Literaturstadt Marseille

Selten ist von Künstlern so viel Widersprüchliches über eine Stadt gesagt und geschrieben worden wie über Marseille.
Victor Hugo bedauerte im 19. Jahrhundert noch, dass die Denkmäler der Antike zerstört wurden; Blaise Cendrars feierte Marseille knapp hundert Jahre später gerade deshalb:

Marseille ist eine Stadt nach meinem Herzen. Sie ist heute die einzige unter den Hauptstädten des Altertums, die uns nicht mit den Denkmälern ihrer Vergangenheit erdrückt. Sie wirkt gutartig und lachlustig. Sie ist schmutzig und unproportioniert. Aber sie ist trotz alledem eine der geheimnisvollsten Städte der Welt, eine von jenen, die sich am schwersten entziffern lassen.

George Sand verglich den Alten Hafen mit einem Ententeich, so klein und hässlich wie die ganze Stadt, den österreichischen Emigranten Moritz Hartmann wehte bei seiner Ankunft in Marseille der Hauch der grossen Stadt, der Kosmopolitismus einer Seestadt an. Und der fünfzehnjährige Arthur Schopenhauer sprach gar von londonähnlicher Schönheit!
Die Krämerseele der Hafenstädter ist, nicht zuletzt von Stendhal, der als junger Mann in Marseille selbst eine Händlerlehre machte, notorisch demontiert worden.
Heinrich Heine ging das schachernde Geräusch der Grossstadt gehörig auf die Nerven, Emile Zola dagegen versetzten die Stunden des Wahnsinns, in denen die Bevölkerung von einem zwingenden Bedürfnis nach Besitz erfasst wurde, in einen glückseligen Taumel. Dem Exotismus des Kolonialhafens, der Abenteurer- und Spielermentalität der Marseiller fielen die französischen Romantiker zu Füßen, Gustave Flaubert und Ernst Jünger zum Opfer – der erste verlor in Marseille seine Unschuld, der zweite sein Geld.

Nichts als die Börse, Courtagen, fette Spekulation und physisches Vergnügen. Der riesengroße Handel absorbiert hier alles. Sie kaufen zehntausend Büffelfelle, fünftausend Kilo Pfeffer und verkaufen wieder … Sie träumen nur davon, zu gewinnen und sich zu vergnügen. (Hyppolite Taine)

Marseille Mitte des 16. Jh’s

Marseille ist die älteste und zugleich unfranzösischste Stadt Frankreichs.
Seit 2.600 Jahren spiegelt sich in ihr das Mittelmeer, auf dem sich Europa und Afrika treffen, Handel treiben, Krieg führen und Menschenmassen mobilisieren. Das „Tor zum Orient“ ist keine bloße Metapher, sondern von Christen, Moslems, Buddhisten und Juden gelebter Alltag in dieser von 110 Dörfern zusammengehaltenen Mittelmeermetropole.
Einem riesengrossen Fremdenverkehrsamt gleich empfing sie im Laufe der Jahrhunderte unzählige Emigranten, die unverzüglich in den bestehenden Meltingpot integriert und alsbald Marseiller reinsten Wassers wurden.

Jeder trägt seine Heimat an der Sohle und führt an seinem Fuß die Heimat nach Marseille. (Joseph Roth)

Die Hafenmetropole ist aber nicht einfach nur anders als der Rest Frankreichs, sondern ein Anti-Paris in latenter Kampfpose gegen den Zentralstaat, von dem man sich im Süden vernachlässigt und gedemütigt fühlt. Künstler haben diese mit allerlei Negativklischees gezeichnete Stadt gesucht, um in ihr abzutauchen, mit dem eigenen Leben zu experimentieren oder in ihr vom Kontinent Abschied zu nehmen.
Ist es ein Zufall, dass Arthur Rimbaud 1891 zum Sterben nach Marseille kam und kurze Zeit darauf Antonin Artaud im vierten Arrondissement geboren wurde?

Ich erinnere mich, dort meine Inkarnation selbst vollzogen zu haben. Und das war ein schöner Skandal, eine Winkelinkarnation, deplatziert und heimatlos (Antonin Artaud).

Marseille hat in seiner langen Geschichte mehrmals alles gewonnen und verloren; das hat für seine Bevölkerung den Begriff von Reichtum relativiert und zur Ausbildung einer Kultur des verschwenderischen Geniessens geführt, die selbst in ihrer ärmlichsten Variante noch zu blenden vermag:

Mondäner Zauber und bourgeoise Gemütlichkeit; Sport, gutes Essen und Bakkarat sind grosse Attraktionen; aber die grösste Attraktion ist das Nichtstun. Die Riviera legitimiert es, dieses Dolce-far-niente, man braucht nicht einmal krank zu sein. (Erika und Klaus Mann)

Als die Geschwister Mann 1930 zu Recherchen für ihr „Buch von der Riviera“ nach Marseille kamen, befand sich die Stadt auf dem Höhepunkt einer kurzen, aber intensiven Periode wirtschaftlicher Prosperität und geistiger Konzentration, die sie über ihr Image als Hafen der Pfeffersäcke hinauswachsen ließ und erstmalig zu einer Kunstmetropole von europäischem Rang machte.

© Germaine Krull

Die seit 1904 über den Alten Hafen gespannte Fährbrücke, der Pont Transbordeur, zog stärker noch als der Eiffelturm Konstruktivisten und Bauhauskünstler an. László Moholy-Nagy, Germaine Krull, Eugen Batz, Man Ray sahen ihn durch das Auge der Kamera, der Philosoph Walter Benjamin aus der Perspektive des Haschischessers.
Walter Benjamin, der die Stadt im Rausch als einer der ersten in sie verliebten Ausländer von ihren Rändern her aufgerollt, die Arbeiterviertel, das industrielle Brachland hinter den Docks durchstreift und in mehreren Essays beschrieben hat, entdeckte 1926 den Lesern der Literarischen Welt mit den Cahiers du Sud eine Literaturzeitschrift, die mit der Veröffentlichung surrealistischer Texte gerade zu einer Avantgarde-Revue avanciert war.

Les Cahiers du Sud blieben 391 Nummern lang (1914-1966) ein Ereignis mit Höhen und Tiefen, das über Marseille hinaus Literaturgeschichte und in jener Zeit, als die Stadt zu einem Nadelöhr wurde, vor dem zigtausende von Emigranten auf der Flucht vor den Nazis Schlange standen, Geschichte in Zivilcourage gemacht hat. Trotz oder gerade aufgrund der dramatischen Lebensumstände waren die Jahre 1939-41 für viele Künstler-Emigranten produktiv: in Marseille erfanden die Surrealisten ihr eigenes Kartenspiel Jeu de Marseille, malten Max Ernst, Hans Bellmer, Wols, André Masson großartige Bilder, schrieb Anna Seghers ihren Roman Transit. 

Ein Transitär blieb ewig auch der Fremdenlegionär, Diamentenhändler und Dichter Blaise Cendrars, der bei jedem Landgang die Route der Gangster-Bars einschlug.
Die Grenze zwischen Kunst und Geld, Räuber und Gendarm ist in Marseille fliessend. Der Flic Fabio Montale in den erfolgreichen Krimis von Jean-Claude Izzo jagt als Stadtnostalgiker und Systemkritiker durch die provenzalische Speisekarte, seltener die Köpfe der Mafia. Das Wort „Total khéops“ (Titel eines Izzo-Krimis) wurde von den Rappern „IAM“  erfunden und heißt soviel wie „Riesengrosses Tohuwabohu“ – daraus entstehen in Marseille immer wieder neue Utopien, deren maßlose Vitalität nicht nur Albert Camus zum Stottern brachte:

Marseille. Der Marktplatz: Das Leben? Das Nichts? Illusionen? Und doch die Wahrheit. Volle Kassen. Bumm, bumm, treten Sie ein ins Nichts.

© Sabine Günther

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken